Willkommen an der Zinngießerstiege!
Sie stehen auf einem wiederentdeckten Stück Wolfsberger Geschichte.
Wussten Sie, dass dieser Ort fast 100 Jahre lang keinen Namen mehr hatte? Was heute wie eine schlichte Verbindungstreppe wirkt, war über Jahrhunderte eine pulsierende Lebensader des Wolfsberger Handwerks.
Schauen Sie kurz vom Handy auf!
Direkt hier, wo Sie gerade stehen, klapperten einst die Werkzeuge der Zinngießer. Erfahren Sie in 2 Minuten, wie dieser Ort durch Zufall im Archiv wiederentdeckt wurde.
Gefunden zwischen verstaubten Zeilen
Diese Stiege ist ein historischer Verbindungsweg, der schon im Mittelalter existierte. Sie verbindet den Markusplatz bei der Kirche mit dem Hohen Platz und verläuft genau zwischen den Häusern Nr. 22 (Juwelier Waschier) und Nr. 24 (Trafik Bardel). Lange Zeit war ihr historischer Name „Zinngießerstiege“ fast vergessen.
Manchmal braucht es keine Schaufel, um einen Schatz zu heben, sondern Geduld und ein gutes Archiv. Fast ein Jahrhundert lang war der Name dieses Ortes aus dem Gedächtnis der Stadt verschwunden. In offiziellen Plänen war nur noch von einer „unbenannten Verbindung“ die Rede.
Der Moment des Fundes. Im Zuge meiner Recherchen zum Wolfsberger Brauchtum stieß ich auf einen Text der Wolfsberger Heimatdichterin Tini Supantschitsch, der ein völlig neues Licht auf diese Stufen warf. 1948 beschrieb sie den „Pflanzerlmarkt“ am Markustag und erwähnte beiläufig, wie alte Frauen auf der „Zinngießerstiege“ ihre Waren anboten. Durch das Wolfsberger Brauchtumsbuch (2023) wurde auch der Förderungsverein Lavanttaler Heimatmuseum darauf aufmerksam. Die Prüfung historischer Belege zeigte, dass hier – im Herzen der Altstadt – das Handwerk der Zinngießer nicht nur ansässig war, sondern den Rhythmus des Viertels bestimmte. Aus dem „Zufallsfund“ im Archiv entstand die Vision, diesen geschichtsträchtigen Ort wieder für alle sichtbar zu machen.
Heute ist die Zinngießerstiege mehr als nur eine Abkürzung; sie ist ein Denkmal für den Fleiß und die Kunstfertigkeit unserer Vorfahren – und ein Beweis dafür, dass Geschichte nur darauf wartet, wiedererzählt zu werden.
Das Handwerk der Zinngießer
Der Name der Stiege ist ein direktes Erbe der Zinngießerfamilie Cerino. Fast das gesamte 19. Jahrhundert hindurch lebte und arbeitete diese Familie im Haus Hoher Platz Nr. 22 – direkt neben der Stiege.
Die Meister vom Hohen Platz:
- Pasquale Cerino: Stammte aus der Gegend von Mailand und ließ sich am Ende des 18. Jahrhunderts hier nieder.
- Johann Waltharius Cerino (1807–1890): Sein Sohn übernahm das Handwerk und galt bis zu seinem Tod als der letzte Zinngießermeister in ganz Kärnten.
Die Werkstatt profitierte von der idealen Lage am nahen Schossbach und dem Marktplatz.
Zinn – Das „Silber des Volkes“
Wo das Feuer brannte und das Metall glänzte.
Stellen Sie sich vor, Sie stünden nicht heute hier, sondern im 19. Jahrhundert. Der Geruch von Holzkohlefeuer liegt in der Luft, und aus den offenen Werkstattfenstern dringt das rhythmische Klopfen von Hämmern. Die Zinngießerstiege war kein Ort der Ruhe – sie war eine Industriezone im Miniaturformat.
Warum gerade Zinn? Bevor Porzellan und später Kunststoff unseren Alltag eroberten, war Zinn das wichtigste Material für den Haushalt. Es war robust, glänzte wie Silber, war aber für die Bürger und Bauern erschwinglich.
- Vom Guss zur Form: Im Haus an der Stiege wurde das Metall bei über 230 Grad geschmolzen und in kunstvolle Formen aus Stein oder Messing gegossen.
- Meisterstücke für das Tal und darüber hinaus: Hier entstanden die prächtigen Deckelhumpen, Schüsseln und Löffel, die noch heute in manchen Bauernstuben als Erbstücke gehütet werden.
- Handwerk mit Tradition: Die Wolfsberger Zinngießer waren hoch angesehene Handwerker. Ihre Werkstätten waren so nah am „Hohen Platz“ (dem Marktplatz) angesiedelt, damit sie ihre Ware direkt an die vorbeiziehenden Händler und Bürger verkaufen konnten.
Das Ende einer Ära. Mit dem Aufkommen der industriellen Fertigung von Porzellan und Emaille im 19. Jahrhundert verstummte das Handwerk an dieser Stiege allmählich. Die Werkstätten schlossen, die Namen der Meister verblassten – doch die Stiege blieb als stummer Zeuge ihres Fleißes erhalten.
Ein Projekt des
Förderungsvereins Lavanttaler Heimatmuseum
in Kooperation mit dem Kulturreferat der Stadtgemeinde Wolfsberg,
Trafik Bardel und wmtprojekte
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